Wenn das Leben eine plötzliche Wende nimmt

Du führst ein ziemlich glückliches Leben, bist gesund und munter, zufrieden mit Deiner Familie, gehst Deiner Arbeit nach und genießt Deine Freizeit. So wie bei Vielen – ein ganz normales Leben eben. Und dann schlägt aus heiterem Himmel das Schicksal zu. Es klingelt an der Tür, der Arzt ruft Dich ins Sprechzimmer, ein erschütterndes Telefonat oder Dir wird das endgültige AUS serviert. Plötzlich steht die Welt still.

Die Gefühls-Achterbahn rast los – völlig ungebremst.

Die furchtbare Nachricht trifft Dich bis ins Mark. Schon in diesem Moment spürst Du: Ab jetzt ist nichts mehr, wie es war. Mit einer unglaublichen Geschwindigkeit fällst Du in ein Loch. Du fällst von einem Gefühl ins nächste. Du klammerst Dich an jeden Strohhalm. Auf der einen Seite bist Du wie betäubt, zu nichts mehr fähig und dann entwickelst Du immer wieder einen wilden Aktionismus. Du gibst Dich auf und gibst doch noch alles. Alles wird surreal – Du kennst Dich selbst nicht mehr und verstehst auch nicht was, Dir wiederfahren sein soll. Dein Leben kreist nur noch um dieses eine Thema. Jetzt gibt es kein Rückhaltesystem, keine Bremse, keinen Airbag und auch keine jemals gelernte Erfahrung. Freier Fall. Nichts, aber auch gar nichts hilft gegen diese ständigen Gedankenschleifen. In dieser Phase kommt kein einziger, wenn auch noch so gut gemeinter Ratschlag bei Dir an. Der Schmerz sitzt so tief, dass Du dich am liebsten nie mehr spüren möchtest.

Die 10 Stationen auf der Gefühlsachterbahn

Eine plötzliche Wende im Leben erfahren wir in der Regel bei Schicksalsschlägen, wie Trennung, schwerer Krankheit, Unfall und Tod. Der Verlauf, die Intensität und die Reihenfolge sind so individuell wie die Menschen, die es aus heiterem Himmel trifft. Trauer und Schmerz kommt nicht in berechenbaren Phasen, sondern in fortwährenden Wellen. Es ist gut zu wissen, welche Gemütslagen und Seelenverfassungen es gibt. Denn gerade dieses Wechselbad der Gefühle nimmt mit, ist verwirrend und droht einen manchmal in einen Strudel zu reißen:

  1. Das Nichtwahrhabenwollen

    Gleich nach dem Erhalt der Katastrophen-Nachricht gibt es so etwas wie ein Schutzmantel, der über Dich geworfen wird. Das ist eine gnädige, oft aber nur eine sehr kurze Zeit. Der Schutz zeigt sich oft wie eine Trance, eine Ohnmacht oder eine Starre. Dem folgt das Leugnen – diese Phase ist auch sehr kurz – einige Stunden, maximal ein paar Tage.

  2. Informationszeit – rationalisieren und relativieren

    Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, anderen wurde auch geholfen? Prozentual gesehen haben es viele Menschen schon überlebt. Du fängst an, Dich mit diesem Thema und der verflixten Situation näher zu beschäftigen. Das ist nicht unbedingt hilfreich – denn jetzt kommen Dir die Ausmaße der schrecklichen Nachricht immer näher – es wird real. Und zieht Dir immer mehr die Füße unter dem Boden weg.

  3. Und dann das Warum

    Warum ich, warum er, warum wir, warum so jung, was haben wir verbrochen? Die Frage taucht immer auf. Und doch weißt du ganz genau: Hier gibt es keine Antwort.

  4. Jetzt kommt die Wut

    Und der Ärger auf alles und jeden. Auf die Ärzte, auf die Schuldigen, auf Gott und die Welt. Du könntest schreien, heulen, Dich beklagen. Und Du schreist, heulst und beklagst Dich, Du haderst mit Deinem Schicksal, hilflos, machtlos. Diese Gefühle müssen raus – Du musst Dampf ablassen.

  5. Trotz

    Das schaffe ich – ist doch wohl klar! Ich muss nur das und das und das noch machen. Ich stampfe auf den Boden wie ein kleines Kind. Das wäre doch gelacht – das wird schon wieder.

  6. Und immer wieder voller Glauben und Hoffnung

    Dass alles noch gut ausgehen wird. Einen anderen Gedanken lässt Du überhaupt nicht zu – könnte ja ein schlechtes Omen sein. Auch die um uns herum – die Verwandten und Freude – sollen so denken. Niemand befürchtet das Schlimmste.

  7. Ohne Vorwarnung kommt die Schuldfrage angeschlichen

    Was habe ich falsch gemacht, was habe ich übersehen, was hätte ich anders entscheiden sollen? Werde ich bestraft und wenn ja, für was? Genau wie beim Warum sind diese Fragen sinnlos, sie tun uns nur weh – aber sie werden kommen. Das Hadern, in jeder Phase, Schuldgefühle und das „Hätte ich“ werden eine ganze Weile deine Begleiter sein – manchmal verzweifelt, manchmal harsch.

  8. Du hoffst zwar auf Unterstützung und Hilfe nimmst sie aber nicht immer an

    Du weißt es ja am besten – niemand kann Dich in dieser Situation verstehen – niemand ist in Deiner Lage. Du wunderst Dich über das unterschiedliche, manchmal seltsame Verhalten von Freunden und Verwandten und beurteilst, bewertest, ziehst Dich immer wieder und weiter zurück.

  9. Ein unendliches Hin- und her in Deinem Kopf

    Völlig unsortierte schreckliche Gedanken, Ängste, Albträume und Vorahnungen treiben sich in Deinem Kopf herum. Du bist immer wieder so entsetzlich traurig – viele Tage voller Traurigkeit. Und eigentlich willst Du auch nur noch traurig sein.

  10. Die aktive Zeit

    Du kommst ins Tun, leitest Veränderungen ein, suchst das Gespräch, sorgst für Ablenkung, gehst andere, ungewöhnliche Wege. Liest über Dein Thema, über die Situation, was Du finden kannst. Bei Krankheiten rufst du Gott und die Welt an, erkundigst Dich über Alternativen – es muss doch Hilfe geben! Das ist wilder Aktionismus, aber lenkt auf jeden Fall ein bisschen ab. Du bist nicht mehr ganz so hilflos, bist der Situation nicht so ausgeliefert – Du hast das Gefühl, Du kannst etwas tun.

„Jeder macht es auf seine Weise, der eine laut, der andere leise!“

-Zitat frei nach Joachim Ringelnatz

Gebrauchsanleitungen für plötzliche Schicksalsschläge stehen in keinem Handbuch, es gibt keinen Online-Kurs und leider haben wir in der Schule auch nichts darüber gelernt. Niemand ist darauf vorbereitet. Der alte Spruch „Zeit heilt alle Wunden“ stimmt nicht für jeden und wohlgemeinten Ratschlägen à la „Du schaffst das“ glaubt man in diesen Extremsituationen nicht immer, sie können sogar belasten.

Was kannst Du bei so einem Blitz aus heiterem Himmel tun?

Blitz zieht sich über bewölkten Himmel

Wenn der Blitz aus heiterem Himmel einschlägt.

  • Lass Dir die Zeit, die du brauchst.
  • Nimm Deine Emotionen an. So wie Du jetzt reagierst, ist immer Deine beste Option – hier gibt es kein Falsch oder Richtig. Niemand kann und darf darüber bestimmen und dich verurteilen!
  • Du bist oft Dein schlimmster Selbstentwerter („Stell dich nicht so an, warum hängst Du so durch?“). Sei gnädig und liebevoll zu Dir.
  • Tröste Dich – nimm Dich selbst in den Arm
  • Heule und wenn es was zu lachen gibt, dann lache! Der Schicksalsschlag ist dominant, doch er ist nicht alles. Du, dein Leben, dein Umfeld ist nicht nur noch DER VORFALL.
  • Nimm die Gefühlswellen wahr, reite auf ihnen und kämpfe nicht dagegen an.
  • Du wirst Seiten an Dir entdecken, die Du noch nicht kennst. Es kann gut sein, dass du einige davon nicht magst. Auch das gehört dazu. Häufig überrascht man sich selbst, weil Kräfte und Fähigkeiten aktiviert werden, von denen man nicht glaubte, dass man sie hat.

Ja, die Zeit heilt nicht einfach alle Wunden. Aber es gibt einen kleinen Trost: Die Schmerzstärke verändert sich, die Wellen werden erträglich und ganz langsam kehrt der Alltag ein.

1 Kommentar. Hinterlasse eine Antwort

Liebe Margit, was Du hier schreibst ist so so wahr…
Es gibt wirklich kaum ein Hilfsintrument das man in solchen Situationen zu Rate ziehen kann.
Ich habe mich in Deinen Beschreibungen wiedergefunden. Es ist toll das Du Deine Erfahrungen mit den Menschen teilst und ihnen damit Hilfst einige sehr schwere Schritte etwas einfacher, ja wenn nicht sogar erfolgreicher, zu gehen. Mir persönlich hast Du in einer schweren Zeit unbeschreiblich damit geholfen,
deshalb mach bitte weiter damit! Viele Grüße, Chrissi

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